Streit ist fruchtbar, wenn er nicht zur furchtbaren Streiterei wird.

“Wir streiten uns immer. Wir haben uns schon so oft vorgenommen diese sinnlose Streiterei über Kleinigkeiten zu lassen. Aber wenn wir wieder einmal dabei sind, schaukelt es sich auch wieder hoch. Was können wir da tun?”
So fragte ein Klient neulich.

Meine Antwort:
Streit ist wichtig. Er dient dem Interessenausgleich. Dass es dabei auch einmal emotional zugeht, ist in Ordnung.

Schaukeln sich kleine Anlässe jedoch immer wieder zu heftigen Streitereien auf, sollte man etwas tun. Denn dauerndes Herumstreiten über Kleinigkeiten kann Beziehungen zerstören. Wer die gemeinsame Zeit mit Streitereien verbringt, hat keine Zeit mehr für gemeinsame schöne Erlebnisse.

Neben der Suche nach den Gründen für diese Herumstreitereien, kann man ab sofort Folgendes tun:

1. Innerlich Mitverantwortung übernehmen:

Du streitest mit! Oft meint man ja im Moment des Streitens, der andere wäre am Streit Schuld. Dabei lässt sich klar sagen: an einem Streit sind mindestens Zwei beteiligt. Selbst wenn klar zu sein scheint, wer begonnen hat – der andere macht mit. Wer feststellt, dass er seit zehn Minuten in einem Streit ist, ist seit zehn Minuten beim Streit geblieben.

2. Aus der Rolle des Streitenden heraustreten

Ein Streit hat manchmal eine magische Anziehungskraft. Da kommt man mit guter Laune nachhause, der ganze schöne Abend liegt vor einem, einer der gewohnten Streitauslöser (Zahnpasta liegt an der falschen Stelle, irgendetwas ist nicht erledigt) läuft über den Weg. Und: man begegnet sich so miteinander, wie man es gewohnt ist, im Streit – statt so, wie man es viel lieber möchte.

Das ist wie bei einem Fußballer im Urlaub. Er liegt am Strand. Ein Pfiff ertönt. Er springt auf und rennt los.
Was wird der Fußballer tun?
Sobald er merkt, dass er “im falschen Film” ist, wird er aufhören und auf seine Strandliege zurückkehren. Vielleicht schüttelte er noch den Kopf oder lacht über sich selbst und seine eigenartige Reaktion.

Was tun die meisten Menschen, wenn sie merken, sie sind in einem Streit, obwohl sie doch eigentlich etwas anderes wollten? Über sich selbst den Kopf schütteln und lachen? Wohl nicht. Entweder wird weiter gestritten oder es muss noch schnell geklärt werden, wer am Streit “schuld” war. Dann kommen Vorhaltungen, Schuldzuweisungen und der Streit geht munter weiter.

Sobald Du beim Streiten bemerkst, dass du streitest, obwohl du es gar nicht willst und obwohl du weist, dass es zu nichts Gutem führen wird: Höre auf! – Höre einfach auf. Du wirst dein Gesicht nicht verlieren.

Ein Tipp: Das geht einfacher, wenn du den Standort wechselst. Tritt also wortwörtlich aus der Position des Streitenden heraus. Wenn du bisher sitzt, steh auf. Wenn du stehst, geh an eine andere Stelle.

3. Dem Anderen sagen, dass man die Verantwortung für das eigene Handeln übernimmt und Alternativen äußern

Sag zum Beispiel: “Ich bemerke gerade, dass ich mit dir streite. Ich will mit dir nicht streiten. Eigentlich möchte ich viel lieber…” – Und du sagst, was du dir eigentlich vorgenommen hattest oder dir miteinander lieber wünschst. Zum Beispiel: ” eigentlich will ich die Zeit mit dir lieber mit etwas Schönem verbringen und das, was wir zu klären haben, auf ordentliche Weise mit dir besprechenden.”

4. Wenn nötig, aus der Situation heraus gehen

Wenn der Streit schon recht weit fortgeschritten ist und die Emotionen hoch schlagen, kann es sein, dass der Umschwung in ein gutes Miteinander nicht sofort gelingt. Gehe dann, nachdem du es angekündigt hast, aus der Situation. Am besten sagst du noch, wann du wieder auf dein Gegenüber zugehen wirst.

Das heißt nicht, dass du mitten im Streit aufspringst, aus dem Zimmer rennst und drei Tage lang nicht mehr von dir hören lässt. Du willst dein Gegenüber ja nicht beunruhigen, sondern eine schwierige Situation entschärfen und zu einem guten und achtungsvollen Miteinander führen.
Du könntest zum Beispiel sagen: “Ich bin gerade auch aufgeregt und weiß nicht, ob ich so schnell ruhig werden kann. Ich gehe jetzt erst einmal eine Runde spazieren. In einer Stunde bin ich wieder da.”

Zu beachten

Wichtig ist, das du wirklich für dein Mitstreiten die Verantwortung übernimmst. Tu das, ohne es sofort abzuschwächen indem du auf die Mitverantwortung deines Gegenüber verweist. Übernimm in diesem emotionsgeladenen Moment die Verantwortung für dein Tun. Und Punkt.

Sag, dass du auf diese Weise nicht mit deinem Gegenüber umgehen willst. Gesteh Deinem Gegenüber zu, dass er oder sie nicht so schnell aus der Rolle des Streitenden herauskommt, wie Du gerade. Mache in der größtmöglichen Klarheit deine Ansage und gehe, nachdem du deine Wiederkehr angekündigt hast, aus der Situation.

Geh spazieren, in einen anderen Raum oder was auch immer du brauchst, um wieder zu dir zu kommen, um herunter zu fahren. Zur angekündigten Zeit geh wieder auf dein Gegenüber zu.
Wie lange du zum herunterfahren brauchst, weißt Du vielleicht schon oder du wirst es lernen.

Seid Ihr wieder beieinander, könnt ihr kurz über den Streit reflektieren, aber Vorsicht: fangt nicht wieder damit an! Die Gewohnheit ist mächtig. Wendet Euch etwas Schönerem zu!

Der Trainingseffekt

Wenn Du bis hierher gelesen hast, wird dir nach dem nächsten Streit vielleicht auffallen: “Ich habe schon wieder gestritten und ich habe es nicht bemerkt”. Dann kannst du auch im Nachhinein zu deinem Gegenüber gehen und das tun, was unter Punkt drei geschrieben steht: Die Verantwortung für deinen Teil übernehmen und sagen, wie du eigentlich mit ihm oder ihr umgehen möchtest.

Wenn du das konsequent tust, wirst du bemerken, dass dein Trainingszustand besser wird. Fällt dir zu Beginn drei 3 Stunden nach dem Streit erst auf, dass du wieder (mit-)gestritten hast, ist es das nächste Mal vielleicht schon nach 2 Stunden. Irgendwann merkst Du es direkt nach dem Streit, irgendwann mitten im Streit und irgendwann wirst du bemerken, das Du gerade anfangen willst zu streiten oder dabei bist, dich auf einen Streit einzulassen. Dann kannst du den Streit beenden, bevor er begonnen hat.

Nachbemerkung

Wenn sich Zwei immer wieder miteinander streiten, gibt es vielleicht auch gute Gründe dafür. Vielleicht weniger für das Streitthema, als vielmehr dafür, dass so eine große Anspannung und innere Streitbereitschaft herrscht. Parallel zu der hier beschriebenen Soforthilfe ist es sinnvoll, wenn man mit Unterstützung an der Herabsetzung der inneren Streitbereitschaft arbeitet. Dies kann jeder für sich tun oder auch beide gemeinsam. Fakt ist: Schon wenn Einer von Beiden nicht mehr mitstreitet, findet kein Streit mehr statt.

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